Haben Mediatoren und wahre Freunde etwas gemeinsam?

Im Rückblick auf meine Ausbildung zur Konflikt-Klärerin würde ich diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn, so habe ich es gelernt, als die der Allparteilichkeit und der Neutralität verpflichtete Mittlerin darf und kann ich nicht auch eine Freundin der Medianden sein.

Die erfahrene und gelebte Praxis als Mediatorin führt mich zu einer anderen Antwort.

Endlich einmal Verstanden werden ist eines der Hauptanliegen der Konfliktparteien. Gerade das so mangelnde und so schmerzlich vermisste Verständnis für die eigene Sicht auf die verfahrene Situation oder die nicht mehr gelebte Beziehung ist eine der primären Ursachen für das Entstehen des Konfliktes, der dann zunehmend eskaliert und als nicht mehr lösbar angesehen wird.

Was jede der Konfliktparteien dabei übersieht: dass auch der andere genau das gleiche Bedürfnis hat, von der gleichen Erwartung dominiert wird, endlich einmal verstanden werden. Jeder will unbedingt verstanden werden. Im Gegenzug ist er jedoch nicht bereit, meistens gar nicht mehr in der Lage, selber zu verstehen.

Als Mediatorin bin ich tatsächlich der wahre Freund, weil ich die Vergangenheit unvoreingenommen hören kann. Ich helfe mit, dass die Streitenden wieder fähig sind, die Standpunkte der anderen wahrnehmen zu können. Erst mit diesem Wissen kann das Verstehen entstehen und aus dem Verstehen entwickelt sich das Verständnis für die andere Sicht.

Die Mediation bricht den dicken Eispanzer der Frustration auf. In ihm ist im Laufe der Zeit jede Option für eine mögliche Beilegung des Konfliktes sofort eingefroren worden. Als Mediatorin glaube ich felsenfest daran, dass die Streitenden fähig sind, eine Lösung zu finden – mein Glaube ist die sichere Basis. Er bestärkt die Streitenden an ihre Zukunft nach dem Konflikt zu glauben. Sei es das Finden einer Lösung für das gemeinsame Miteinander leben und arbeiten, oder wenn sich die Risse der Beziehung nicht mehr kitten lassen, ein friedliches Auseinander gehen für alle Beteiligten zu verwirklichen.

Und last but not least nehme ich als empathische Konflikt-Klärerin die Streitenden so wie sie sind. Als Menschen, die in einer für sie schwierigen Lebenssituation stehen; als Menschen, die bei mir professionelle Hilfe suchen, damit sie sich selbst und ihre Konfliktgegner – seien es die Schwester oder der Bruder, die Eltern oder die Kinder, der Kollege oder die Chefin, die Freundin oder der Nachbar – wieder so annehmen können wie sie heute als Menschen sind.

Ja, als Mediatorin muss ich ein wahrer Freund sein – mit einem großen Herzen für die Nöte der Menschen wie ich es auch in meiner Maxime formuliere.
Eine wunderbare, erfüllende Aufgabe, die nicht immer leicht ist. Sie fordert mich, meine Kreativität und Einfühlungsvermögen genauso wie mein analytisches Denken und mein Erspüren der verborgenen Hürden.
Als wahrer Freund danke ich meinen Medianden für ihr Vertrauen und für ihre Hoffnung, die sie in meine Arbeit und in das Mediationsverfahren haben. Die Ergebnisse lohnen jede Mühe und jeden Aufwand.

Wie ist Ihre Sicht auf diese Frage?
Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Ihre Anfrage.

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